Dorfleben in der Quarantäne – Ein (nicht ganz ernst gemeinter) Erfahrungsbericht

Disclaimer: Seit meiner krisenbedingt vozeitigen Rückkehr nach Deutschland wohne ich, wie auch meine eigentlich auch schon ausgezogene Schwester (Studentin) bei meinen Eltern (beide systemrelevant) und meinem Großvater (Rentner und absolute Risikogruppe) in einem großen Haus mit einem großen Garten in einem kleinen Dorf direkt am Waldrand.

Tag eins des Kontaktverbots. Es ist auffällig still im Dorf. Als hält die Welt die Luft an. Meine Eltern, die eigentlich im Urlaub hätten sein wollen und daher trotz Systemrelevanz eine Woche frei haben, überlegen, wie man die neu gewonnene Zeit nutzen könnte. In Haus und Garten gibt es eigentlich immer was zu tun und auch diesmal ist die Beschäftigungstherapie schnell gefunden: Die Einfahrt muss gepflastert werden. Baumärkte haben geschlossen? Kein Problem, wir kennen da jemanden. Das Telefon wird gezückt und bereits am nächsten Tag stehen zwei Paletten Pflastersteine, Kies und Sand auf unserem Grundstück und die ganze Familie ist für die nächsten Tage beschäftigt.

Auch in der Nachbarschaft bleibt es nicht lange still. Nach und nach klären sich die wichtigsten Fragen fürs alltägliche Dorfleben: Wie viele Personen dürfen gleichzeitig zum Bäcker? (Drei.) Darf man denn auf den Friedhof? (Ja). Stört es jemanden, wenn Holz gemacht wird? (Nein.) Und schon nach ein paar Tagen lässt sich kaum noch feststellen, dass etwas anders ist als sonst. Auffällig ist lediglich die doch ungewöhnlich hohe Anzahl an Spaziergängern und Radfahrern, die die diversen Feldwege in der Umgebung unsicher machen. Sport machen ist schließlich erlaubt und irgendwie hat wohl tatsächlich jeder noch irgendwo ein verstaubtes Fahrrad gefunden. Radfahren verlernt man ja zum Glück nicht. Auch wir gehen fast täglich spazieren oder Inlineskaten, denn „man muss ja auch mal raus“.

Im Garten geht es ebenfalls voran. Die Einfahrt ist gepflastert, die Beete umgegraben und bepflanzt, die Terrasse fit für den Sommer gemacht, die Gartenbank neu gestrichen, die Wasserfässer angeschlossen. Als nächstes wird die Garage gestrichen. Egal, was benötigt wird, die Beschaffung dauert selten länger als einen Anruf. Schließlich kennen wir da jemanden. Oder wir kennen da jemanden, der jemanden kennt. Offensichtlich.

Selbstgemalte Osterkarten
Da man die Freunde nicht besuchen kann, werden eben Päckchen verschickt, was dank spontanem Anfall von Kreativität auch etwas länger dauert als geplant

Auch innerhalb des Hauses gibt es mehr als genug zu tun. So ein Fünf-Personen-Haushalt schmeißt sich schließlich auch nicht von allein und dann gibt es da ja auch noch so schöne Zusatzaufgaben wie Fenster putzen oder den Badezimmerabfluss reinigen (wobei möglicherweise das ein oder andere Teil des Siphons plötzlich undicht wird, was zusätzlichen Teilbeschaffungsanruf- und Arbeitsaufwand von fast zwei Tagen verursacht). Die Menge an Lebensmitteln, die wir als Familie täglich brauchen, überrascht uns immer wieder neu und das empfohlene Ein-Mal-wöchentlich-Einkaufen bleibt ein ferner Wunschtraum, erst recht, wenn man nicht als Hamster verdächtigt werden möchte. Analog dazu verhält es sich mit der Müllproduktion, die uns als Plastikmüll-vermeiden-Wollern im Herzen wehtut.

Mit den Aufgaben des täglichen Lebens also schon relativ gut ausgelastet, gesellt sich dazu nun das Kontaktverbot-bedingte Überangebot an Onlinemöglichkeiten. Youtube ist unser neuer bester Freund und so gibt es dort nicht nur fast täglich irgendwelche Gottesdienste oder Lobpreisangebote, sondern auch Fitnesskurse und die Freizeitunterhaltung in Form von Takeshis Castle. Abends wird mit Freunden (video-)telefoniert.

Außerdem ist es immer auch ganz praktisch, dass die Informatiker-Tochter im Haus ist, so gibt es gleich jemanden, der dieses mysteriöse zoom installieren und erklären kann. Und überhaupt, wo du schon da bist, könnten wir da nicht auch den monatlichen Lobpreisabend in unserer Gemeinde als Video machen? Auch die andere Tochter hat mit ihren Nähkünsten momentan sehr gefragte Fähigkeiten und muss die ganze Familie vorsorglich mit Mundschutz versorgen, falls die Maskenpflicht kommt.

Ein Puzzle mit Puzzle-Motiv
Und dann gibt es da auch noch die von meiner Schwester verordnete Beschäftigungstherapie des Puzzlens.

Für so unwichtige Dinge wie Zukunftsplanung oder Blogartikel schreiben bleibt bei all diesen Aktivitäten einfach keine Zeit. Die wenigen freien Minuten müssen akribisch verplant werden. Wie? Na ganz offensichtlich mit dem Schreiben von Bewerbungen. Ich brauche dringend einen neuen Job. Vielleicht habe ich da dann ja wieder ein bisschen Ruhe. Zu Hause ist es mir jedenfalls echt zu stressig.

Aber Spaß beiseite. Ich weiß, ich habe eine ganze Weile nichts von mir hören lassen. Ob das so geplant war? Definitiv nicht. Meine Pläne waren ganz andere. Eigentlich wollte ich hier mindestens zweimal wöchentlich kurze Ideen, Erfahrungen und Denkanstöße veröffentlichen. Eigentlich wollte ich hier erzählen, wie toll das Leben ist, wenn man einfach lustig drauflosprobiert.

Nur fühlt es sich momentan einfach nicht danach an. Für mich nicht und vermutlich für euch auch nicht. Im Moment ist nicht die Zeit, loszuprobieren. Nicht die Zeit, den lang gehegten Traum endlich in die Tat umzusetzen. Die Welt hat Pause. Menschen kämpfen um ihr Leben. Andere bangen um ihre Existenz. So mancher Traum hat sich in Luft aufgelöst. Nicht die Zeit für Erfolgsgeschichten und „Du kannst das auch“-Motivation.

Und doch gibt es da auch noch eine andere Seite. Eine Seite, wo vielleicht mehr losprobiert wird als jemals zuvor. Schließlich überlassen wir diesem Virus nicht kampflos das Feld. Denn plötzlich geht es nicht mehr anders. Niemals hätte ich gedacht, dass ich irgendwann gemeinsam mit meiner Schwester und meiner Mutter Zumba vor dem Fernseher machen würde. Einen Online-Lobpreisabend gestalten würde. Oder überhaupt für unbestimmte Zeit wieder bei meinen Eltern einziehen würde.

Und vielleicht sind das ja die Geschichten, die wir gerade brauchen. Nicht die großen Erfolgsgeschichten. Sondern die kleinen Anekdoten. Von unseren Versuchen, der allgemeinen Verunsicherung für eine Zeit zu entkommen. Von unseren Versuchen, zu helfen und zu unterstützen, wo immer das möglich ist. Und von unseren Versuchen, einfach nicht völlig den Verstand zu verlieren.

Wie geht es euch damit? Stress oder Langeweile? Systemrelevanz oder Kurzarbeit? Entspannt oder Panik?

2 Kommentare

  1. Hallo Sarah
    Tolle Idee!!👍 ich bin gespannt auf weitere Einträge. Lg Sanni

    Antworten
  2. Hehe, ich glaube, so ähnlich wie bei euch lief es bei so einigen Familien mit Eigenheim. 😀 Und ja, es trieb und treibt die Leute (wohl auch wegen des guten Wetters) auch viel mehr nach draußen. Als hätte es die tolle Natur vorher nie gegeben. ^^
    Aber so findet jeder irgendwie seinen Weg; spannend, wie unterschiedlich die aussehen. Ich hoffe nur, dass dabei niemand auf der Strecke bleibt.

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